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Snowpark Kitzbühel - Freestyle Perspektiven

„Ich denke, Freestyle ist einfach ein neues Lebensgefühl.“, mit diesen Worten des legendären Hüttenwirts der Hanglalm, Toni Lassacher, begann unsere Kitzbühler Freestyle Reportage des letzten Jahres. Ja, der Freestyle hat hier in Kitzbühel ein wunderbares Zuhause gefunden, mit vielen Protagonisten, die ihn lieben und pflegen. Und so ist, abseits der Streif, mit der Hanglalm ein neuer Lifestyle entstanden, dessen Mittelpunkt der Snowpark Kitzbühel ist. Nach dem Erfolg der Kitzbüheler Freestyle Saga im letzten Jahr, haben wir heuer ein Fortsetzung dazu produziert. Im zweiten Teil, den wir euch wie gewohnt im Herbst zu Beginn der neuen Saison präsentieren, rücken wir die komplexe Technik und das Design hinter dem Snowpark in den Vordergrund. Um uns darauf einzustimmen, haben wir bis dato unveröffentlichtes Text-Material von der letztjährigen Reportage herausgekramt. Von den mühevollen Anfangen der lokalen Gründungsvätern und –müttern, bis hin zu den Visionen der neuen Kitzbüheler Freestyle Generation.

TEIL 1: LIFESTYLE - „Früher waren wir die Typen mit der Hose unterm Arsch“

Möchte man mehr über Freestyle in Kitzbühel erfahren, begibt man sich am besten direkt in dessen Epizentrum auf die Hanglalm, wo eindrucksvoll der Snowpark Kitzbühel thront. Hier türmen sich drei Reihen von immer größer werdenden Schneebergen auf. Dies ist aber nur einer von drei Parkbereichen, die sich über eine Gesamtlänge von 1300 Metern erstrecken und für jeden Besucher - unabhängig der Könnerstufe – die passende Spielwiese parat haben. In den höher gelegenen Parkbereichen ragen, einer klaren Struktur folgend, Kitzbühel-rote Jib-Elemente, sogenannte Rails und Boxen, aus dem Weiß. Um 9:17 Uhr morgens herrscht hier noch Ruhe. Das wird sich im Laufe der nächsten beiden Stunden ändern.

Vor rund zehn Jahren sah es hier durchwegs anders aus.

"Früher mussten wir uns die Schanzen selber bauen, da gab es noch keine Snowparks",

wirft Lisi Obermoser einen Blick zurück zu ihren Anfängen. Als gebürtige Kitzbühelerin hat die junge Mutter die Entwicklung des Wintersports in ihrer Heimat von klein auf miterlebt, so grüßt schon an der Eingangstüre ihres Hauses symbolisch ein meterhoher, aus Holz geschreinerter Storch auf einem Snowboard von der Hauswand. Im Inneren fügen sich an den Wänden ausrangierte Skateboards zu den Kindheitsfotos. Deutlicher lassen sich die Inhalte, die ihr Leben bestimmen, wohl nicht auf den Punkt bringen. Irgendwann beschloss Lisi kurzerhand die Dinge selbst in die Hand zu nehmen: "Mein Wunsch war es halt immer, dass ich auch gerne einen Park bei mir zuhause hätte, so wie es sie auch schon woanders gab. Anfangs haben wir dann den Park am Horn selber gemacht und im nächsten Jahr ist dann schon QParks eingestiegen", erinnert sie sich. Gemeinsam mit ihren langjährigen Freunden Max Schirmeisen und Flo Hasenauer, zeichnet sie sich auch seit einigen Jahren für die Sick Trick Tour - eine Contest-Serie für Freeskier und Snowboarder - verantwortlich.

Mittlerweile ist die Sick Trick Tour ein fester Bestandteil der Tiroler Contest-Szene und vor allem für den Freestyle-Nachwuchs ist sie eine wichtige Plattform geworden. "Der Zulauf zum Event wird immer größer. Heuer hatten wir etwa 100 Teilnehmer, so viel wie nie zuvor. Das Wetter war ein Traum und der Park war in einem Top-Zustand. Einem perfekten Contest ist also nichts im Wege gestanden. Am Ende waren alle glücklich und zusammen mit den Teilnehmern haben wir ein tolles Sick Trick Tour Open gefeiert."

Auf der silbernen Containerwand zeichnen sich die roten Umrisse des omnipräsenten Kitzbüheler Kitz' ab. Daneben fahren zwei Snowboarder ein. An ihren uniformen Outfits erkennt man, dass sie wohl keine normalen Gäste hier im Snowpark sind. Aus dem Container tritt ein weiteres Mitglied der Shapecrew. Er übergibt den beiden Schaufel und Schneerechen und weist sie an, die Elemente im mittleren Park nachzubessern. Franz Josef Lechner kennt die notwendigen Handgriffe, arbeitet er doch seit sechs Jahren als Parkdesigner hier im Snowpark Hanglalm. (Anmerk.: Aktuell ist Franz Lechner als technischer Leiter von QParks tätig und hat seine Tätigkeit als Parkdesigner an Christoph Schrammel übergeben). Als weitere Schlüsselfigur in Sachen Freestyle in Kitzbühel, kennen sich Lisi, Max, Flo und Franz seit jeher. „Der Franz lebt mit der Szene und shapet den Park jeden Tag superfein", stellt Max klar. "Ich habe gemeinsam mit dem Franz darauf geschaut, dass die Parks hier größer und besser werden. Er setzt sich extrem gut für das Gebiet und die Weiterentwicklung ein. Ich schätze vor allem seine Ausdauer sehr", schließt Lisi ab.

Von dem, was Franz mit dem Snowpark für das Skigebiet leistet, ist auch Andreas Hochwimmer von der Bergbahnen Kitzbühel AG überzeugt: "Wir hatten das Glück, dass wir vor einigen Jahren mit Franz einen sehr guten Parkdesigner gefunden haben. Er sorgt dafür, dass ein gutes Klima zwischen der Shapecrew und den Bergbahnen herrscht und alles optimal organisiert ist." Als Betriebsleiter richtet Andreas besonderes Augenmerk auf die Entwicklung des Snowparks und das Publikum auf der Hanglalm:

"Uns ist schnell bewusst geworden, dass wir dem jungen Publikum eine Perspektive geben müssen und haben erkannt, dass ein Funpark die Zukunft ist. Wir wollen auch künftig viel investieren, damit wir weiterhin am neuesten Stand sind und den jungen Leuten das bieten können, was sie sich vorstellen."

Von der morgendlichen Ruhe im Park ist nicht mehr viel zu spüren. In regelmäßigen Abständen bewegen sich Gruppen von Freeskiern und Snowboardern durch die Anlage. Von links und rechts treffen sie oberhalb des Eingangs ein, verweilen einige Sekunden und stürzen sich dann in die Lines. Einige sind Teil der Freestyle-Gruppe ihres Schulskikurses. Während die Kleineren von der Lehrerin über die Flat-Box gezogen werden, testen die Größeren die Kicker im unteren Parkbereich. Der Weg aus Graz bis nach Kitzbühel hat sich gelohnt - die Kids sind bestens gelaunt. Daran ändert auch die ein oder andere ungewollte Rolle im Schnee nichts. "Der typische Skikurs sieht mittlerweile anders aus als noch vor 10 Jahren, heute muss jeder Skikurs eine Freestyle-Gruppe haben, sonst langweilen sich die Kids. Viele machen das privat in den Ferien und erwarten sich das dann auch beim Skikurs. Deshalb achtet unsere Schule bei der Auswahl des Skigebiets darauf, dass es dort einen Snowpark gibt", schildert die Klassenlehrerin aus Graz die Vorbereitungen des Schulskikurses. Für die Kids ist ein Snowpark nicht bloß Kür, sondern Pflicht: "Der Park hier ist cool. Eine Halfpipe wäre noch super, sonst ist eigentlich alles da." Auf die Frage, wieso sie lieber im Park unterwegs sind als auf der Piste, ertönt es im Chor: "Weil's guat is!".

Früher waren wir die Typen mit der Hose unterm Arsch, die Coolen, die Lässigen!
Heute ist das anders.“

Patrick Hollaus, Freestyle-Coach des KSC

Wie gut der Snowpark der Jugend gefällt, weiß auch Patrick Hollaus zu berichten, schließlich ist er seit vier Jahren Freestyle-Coach beim Kitzbüheler Ski Club. Er stand mit 15 Jahren relativ spät zum ersten Mal auf Twin-Tips, aber die Faszination des Sports hatte ihn sehr schnell erobert. "Als ich die Nase voll hatte vom Stangenschubsen, sah ich immer wieder Zeitschriften und Videos über Freeskiing und da wusste ich: Das will ich auch!", erklärt Patrick seine Motivation, das Metier zu wechseln und eine alternative Sport-Karriere anzustreben. Nach vielen Jahren als Freeski-Profi gibt er heute seine Erfahrungen an die nächste Generation weiter. In seiner Arbeit als Coach legt Patrick besonderen Wert auf die Trainings-Atmosphäre. "Sehr wichtig für mich ist, dass ich die Jungs zu nichts zwinge und dass sie Spaß an der Sache haben. So kommt der Erfolg von ganz allein!", verrät Patrick sein Erfolgsgeheimnis. Die Früchte seiner Arbeit konnte der stets braungebrannte Coach auch bei den diesjährigen Sick Trick Tour Open ernten: Das Podest der Freeskier war wieder fest in der Hand des KSC-Nachwuchs.

Auch er ist von der schnellen Entwicklung im Freestyle-Bereich immer wieder aufs Neue beeindruckt: "Das Level in der ganzen Szene hat sich massiv verändert. Man denkt sich jedes Jahr, es ist unglaublich, was alles möglich ist. Und schon in der nächsten Saison werden wieder neue Mega-Tricks gezeigt!" Mit dem steigenden Leistungsniveau veränderte sich auch das Image des Sports oder wie es Patrick ausdrückt: "Freestyle bedeutet für mich auf irgendeine Art und Weise Ski zu fahren, der eine so, der andere so. Für mich ist es nach wie vor meine Leidenschaft! Früher waren wir die Typen mit der Hose unterm Arsch, die Coolen, die Lässigen! Heute ist das anders. Es ist natürlich positiv, dass wir auch bei Olympia dabei sind. So sehen die Leute, die eigentlich nie wirklich einen Bezug zum Freestyle hatten, dass es eben nicht nur auf die weiten Hosen ankommt, sondern dass es viel Training braucht, um solche Tricks zu machen!"

Zwei, die jede Menge dieser Tricks auf Lager haben und direkt von der Entwicklung rund um den Snowpark Hanglalm profitieren, sind Betty Wildauer und Eva Gruber. Sie zählen zum Team von Chix'n'Gravy, einem jungen Kitzbüheler Mode-Label, dessen Gründerin Simone Ober mit ihrem Shop gerade eben ins Stadtzentrum übersiedelt - in die Kitz Galleria umgeben von Louis Vuitton & Co. Die beiden Sportlerinnen erleben eine aktive Szene, die jungen Ridern eine Vielzahl an Möglichkeiten bietet. "Mittlerweile gibt es schon einige Contest-Formate. Neben der Sick Trick Tour, gibt es natürlich auch die QParks Tour, bei der man die ganze Saison lang Punkte bei den einzelnen Tour Stops sammeln kann und es am Ende ein großes Finale gibt. Dadurch pusht man sich gegenseitig und verbessert sich ständig."

Lisi, Max, Flo, Patrick und Franz - allen ist eines gemeinsam: Für sie ist der Freestyle-Sport kein hohler Modebegriff, sondern ein Lebensgefühl. Ein Leben ohne - unvorstellbar. Als die Frage aufkommt, wie lange sie das Thema in Kitzbühel aktiv vorantreiben wird, meint Lisi: "Ich hoffe ewig! Das ist einfach meine Leidenschaft." Wer von so einer großen Tatkraft beseelt ist, steckt sich naturgemäß auch hohe Ziele. "Wir wollen das Level der Sick Trick Tour noch steigern und den Event selber in eine höhere Kategorie bringen. Die Sick Trick Tour Open sind ja momentan ein WST (World Snowboard Tour) Regional Event, aber wir wollen noch mehr mediale Präsenz und höhere Preisgelder erzielen", erläutert Flo. "Man könnte ja einen Sick Trick Tour Stop auf der Mausefalle machen", schlägt Patrick schmunzelnd vor, "das wäre sicher medienwirksam!" Nach kurzem Gelächter fügt Patrick aber nachdenklich hinzu: "Ich denke nicht, dass man das Hahnenkamm-Rennen als Maßstab für Snowboard- und Freeski-Events hernehmen sollte." Auch für ihn steht Freestyle vor allem für Freude am Sport und frei ausgelebter Individualität. Dieses Lebensgefühl soll auch für die kommenden Generationen spürbar bleiben und nicht zwischen Kitsch und Kommerz verschwinden.

Zurück am Berg, die Hohen Tauern im Rücken, neigt sich der Tag seinem Ende zu. Bis auf wenige Geräusche hat die Ruhe die Kitzbüheler Alpen zurückerobert. Entfernt ertönt das monotone Geräusch der Pistenraupen und das fröhliche Gezwitscher der Vögel vom Vormittag ist dem jähen Krächzen der Dohlen gewichen. Die ersten Schatten legen sich über die Kicker im Snowpark, als die Sonne sich langsam hinter den nahen Gipfeln senkt, die die Hanglalm umgeben. Inmitten dieses Naturschauspiels steht ein Mann mit roter Jacke und zieht mit seinem Schneerechen die Take-Offs der Rails und Boxen ab. Die Arbeit am Berg ist für die Shapecrew nach Liftschluss noch lange nicht getan. Aber auch nach einem langen Arbeitstag möchte Franz mit keinem anderen tauschen. Während er die Konturen der Flat-Box im Schnee frei legt, blickt er auf und sagt nachdenklich:

"Du bist manchmal auch noch am Berg, wenn alle anderen Gäste schon gefahren sind.
Das sind ganz einzigartige Momente
."

Er stemmt sein Werkzeug in den Schnee, schließt seine Jacke und stapft zum Container. Nach getaner Arbeit schnallt er zum letzten Mal für heute sein Snowboard an. Während die letzten Sonnenstrahlen endgültig hinter den Berggipfeln verschwinden, nimmt Franz die Abfahrt ins Tal.

„Snowpark Kitzbühel – Freestyle Perspektiven“ ist eine 2-teilige Reportage. Der zweite Teil der Serie wird im Herbst 2015 veröffentlicht, rechtzeitig zum Beginn der neuen Wintersaison. Dann steht vor allem das Parkdesign und die Technologie des Snowparks im Vordergrund. Gemeinsam mit den Verantwortlichen vor Ort ergründen wir, wie hunderte Zahnräder ineinander spielen müssen, um die Kitzbüheler Freestyle-Welt Jahr für Jahr aufs Neue zu erschaffen und am laufen zu halten.

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